Ein Hearing über ethische Grenzen biotechnologischer Forschung


Der „Tutzinger Diskurs“ behandelt ethische Fragen der Naturwissenschaft – in einem Zeitalter, in dem wir mit den Erkenntnissen der Hirnforschung, der Biotechnologie und der Robotik an der Schwelle zu einer zweiten, einer vom Menschen initiierten Evolution stehen. Wie viel Freiheit darf diese biotechnologische Forschung erhalten? Und möchte oder soll die Gesellschaft Rahmenbedingungen definieren, wenn die Wissenschaft in Natur und Leben eingreift?

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Die Ethik, von Aristoteles begründete philosophische Disziplin, sucht nach Kriterien für gutes und schlechtes Handeln, also nach einer moralischen Bewertung menschlichen Tuns. Von Wissenschaftlern kann erwartet werden, dass sie verantwortlich handeln. Was aber ist ethisch legitimierte, also „gute“ Wissenschaft – wie definiert sie sich? Ist für sie diese Verantwortung des Wissenschaftlers hinreichend? Oder sind auch andere Kriterien von Bedeutung? Und welche Rolle kommen der Gesellschaft und der politischen Willensbildung in einer ethisch begründeten Wissenschaft zu? Wie weit kann, darf oder soll die Gesellschaft Forschung reglementieren?

Mit solchen Fragen beschäftigt sich der Tutzinger Diskurs, ein vom Forschungsministerium gefördertes Projekt der Akademie für Politische Bildung. Im September gab es im Rahmen dieses Projektes ein Hearing, an dem Naturwissenschaftler, Philosophen und Politiker in einen theoretischen Diskurs über Bioethik gingen. Wissenschaftler wie Prof. Kirsten Jung vom Lehrstuhl für Mikrobiologie der Universität München tendieren dazu, die Selbstverantwortung des Forschenden ins Zentrum bioethischer Fragen zu stellen. Wolf-Michael Catenhusen dagegen, stellvertretender Vorsitzender des vom Bundestag eingesetzten Ethikrats, definierte es als gesellschaftspolitische Aufgabe, wissenschaftliches Handeln nicht nur permanent hinsichtlich der möglichen Folgen ethisch zu hinterfragen, sondern auch Regularien dafür aufzustellen, wenn nötig auch mit Gesetzeskraft. Gesellschaftliche Konsensbildung sollte für solche ethisch begründeten Normen methodisch im Zentrum stehen.

Obwohl sich Catenhusen grundsätzlich für eine offene Grundlagenforschung aussprach, betonte er doch, dass der Anwendung dieser Erkenntnisse klare Grenzen gesetzt werden müssten. Seiner dezidierten Meinung nach müsse aus ethischen Überlegungen heraus in jedem Fall verhindert werden, dass der Mensch eine von der Natur losgelöste zweite Evolution startet. In letzter Konsequenz müsste gesellschaftliche Sicherheit im Zweifel auch vor wissenschaftlichem Erkenntnisgewinn stehen.

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